Der Traum von Cape Town

Ich hatte mich unglaublich darauf gefreut, das Weihnachtsfest dieses Jahr anders zu verbringen. Mein gesamtes Leben hatte ich es Zuhause gefeiert, mit meiner Familie, in ganz gewohnter Umgebung. Ich war nicht traurig darüber, an so einem wichtigen Tag mal nicht Zuhause zu sein. Im Gegenteil: Ich freute mich auf neue Eindrücke und dass ich aufgrund der sommerlichen Temperaturen sogar ein Kleidchen anziehen konnte. Der Glaube, die Liebe und die Besinnlichkeit war es doch, was uns Christen weltweit einte. Es ging dabei nicht um kommerzielle Geschenke, sondern vielmehr um Nächstenliebe. Das Weihnachtsfest im Oratorium war eine besondere Erfahrung, schlicht und besinnlich, ergreifend und erdend. Außerdem war es sehr schön für mich, dank moderner Medien, die Bescherung bei uns zu Hause auch miterleben zu können. Das Gefühl, trotz so enormer Distanz, ein Teil von unserer kleinen Tradition zu sein. Familie zu leben, trotz anderer Umstände. Dankbarkeit und Demut zu fühlen, solche Erfahrungen machen zu können und seine Familie allzeit im Rücken zu wissen.

Dann ging es am 27.12.2019 endlich los, das erste Mal nach Kapstadt. Das liegt ca 421,9 km von Oudtshoorn entfernt, sodass wir eine recht lange Fahrt vor uns hatten. Diese führte uns durch atemberaubende Berg- und Gebirgsketten. Südafrikas Vegetation war eine pure Augenweide für mich, jeder Blick aus dem Autofenster ließ mich in diese Schönheit der Natur versinken. Das war definitiv so viel besser, als deutsche Autobahn zu fahren. Nach mehreren Pausen, um sich die Füße zu vertreten und frische Luft zu schnappen, Karaoke im Auto und sinkender Lust und Geduld, waren wir beinahe am Ziel angekommen. Der berühmte Tafelberg erstreckte sich in voller Pracht vor uns. Rechts und links waren Townships zu sehen, in furchtbar üblen Zuständen. Sie erstreckten sich kilometerweit an der Autobahn entlang, bestanden aus einfachem Wellblech und man mochte sich gar nicht vorstellen, wie sich das Leben innerhalb abspielte. Auch wenn ich selbst in einem Township wohnte, arbeitete und es grundsätzlich kannte, waren das nochmal andere Dimensionen. Die Armut in der Nähe der Großstädte war extrem. Die Kluft zwischen Arm und Reich riesig.

Es war Hauptsaison in Kapstadt, die Menschen kamen aus dem kalten und regnerischen Europa und von aller Welt in die Metropole am Westkap. Grausam, diese Menschenansammlungen an jeder Touristenattraktion. Man fand keinen Parkplatz, musste Stunden anstehen und sich durch Menschenmassen drängen. Das war so frustrierend und mich verließ die gute Laune schlagartig… Am Boulders Beach, der für seine Pinguine bekannt war, machten wir einen kleinen Spaziergang und konnten tatsächlich zwei putzige Exemplare entdecken. Der Name des Strandes ist durch die Felsblöcke am Ufer des Meeres entstanden, die seit bereits 540 Millionen Jahren die Bucht umschließen.

Das Bo-Kaap Viertel

Der Spot schlechthin zum posen! Das Bo-Kaap Viertel liegt zu Füßen des Signal Hill und macht mit seinen farbenfroh gestrichenen Häusern eine super lebendige Atmosphäre her. Hier leben überwiegend Muslime und es gibt einige Moscheen. Heute präsentiert dieser Stadtteil als letztes Viertel das alte Kapstadt, es stehen historische Gebäude an jeder Ecke.

Weinprobe in Stellenbosch

Um dem ganzen Trubel in Kapstadt etwas zu entfliehen, machen wir uns auf den Weg in das nah gelegene Stellenbosch. Das liegt inmitten der Weinberge des Distrikts Cape Winelands und grenzt an das bergige Naturschutzgebiet Jonkershoek. Dort haben wir ein wunderschönes Airbnb gemietet, das total gemütlich und stilvoll eingerichtet ist. Ganz nett als Abwechslung zu all den Übernachtungen in den Hostels, im Bett wie eine Prinzessin zu schlafen. Besonders wenn man ganz exquisit eine Weinprobe hinter sich hat! Schon morgens werden wir von einem Bus abgeholt, wo es kurze Unstimmigkeiten gibt, weil wir für zwei Personen zu wenig gebucht haben… Trotzdem werden wir alle mitgenommen und holen folgend noch weitere Teilnehmer ab, bis es dann mit guter Laune im Gepäck zum ersten Weingut geht. Die Vorbereitungstaktiken auf diesen Tag gestalteten sich in unserer Gruppe sehr verschieden: Wohingegen die einen auf ein ausgewogenes und sättigendes Frühstück setzten, entschieden sich andere dafür, auf nüchternen Magen zu trinken, damit sich das investierte Geld auch richtig lohnt. Die Weinprobe füllte den ganzen Tag. Wir besuchten drei verschiedene Winzer und ihre Weinguts, probierten Weißen, Roten und Rosé Wein, verteilten Punkte, stutzten über so manchen Preis, führten politische Diskussionen und banale Gespräche, lachten und fühlten uns super exklusiv. Auf der Fahrt zum nächsten Gut bewunderte ich die endlosen Weinberge, ließ den Fahrtwind sanft über mein Gesicht streifen und konnte nicht glauben, dass ich mit meinen erst 19 Jahren so einen dekadenten Tag lebte. Zum Mittagessen hatte ich mich für eine Salat-Bowl mit Couscous eingetragen. Das schmeckte total lecker, wobei der Burger von meinem Nachbar auch verlockend gut aussah… Zumindest eine Pommes konnte ich entlocken. Neben der langen Tafel, an der wir unser Essen zu uns nahmen, war eine Hüpfburg aufgebaut. Ich konnte meine Freude nicht zurückhalten, sodass ich erstmal eine Runde hüpfen ging. Das war sensationell! Je mehr Stunden vergingen, desto angeschwipster wurden wir. Nie zuvor hatte ich einen Rausch, der einen ganzen Tag andauerte, Karneval und die Mottowoche ausgenommen. Beim vorletzten Weingut bekamen wir edler weise noch verschiedene Käseproben zum Wein dazu, dafür waren aber die Weingläser nicht so schön. Das Ambiente gefiel mir beim letzten Gut definitiv am besten, dort saßen wir unter Bäumen und besichtigten einen Weinkeller. Der Tag war super schön. Mein Fazit ist: Mit Wein betrunken werden, ruft das schönste Delirium hervor!

Wanderung auf den Lions Head

Zurück in Kapstadt. Schon als ich am Abend zuvor den Wecker stellte, war es mir definitiv um einige Stunden zu früh. Doch das frühe Aufstehen hatte sich volle Kanne gelohnt: Noch vor Sonnenaufgang machten wir uns vom Fuße des Bergs auf den Weg, ihn zu besteigen. Den Sonnenaufgang auf dem Gipfels des Lions Heads zu schauen, war das Ziel. Der Berg ist ca 670 m hoch. Kapstadt lag in voller Schönheit vor uns, die Stadt erleuchtete durch die vielen tausenden Lichter und strahlte eine unheimliche Magie aus. Zuerst gingen wir als Gruppe zusammen, dann machte jeder sein eigenes Tempo. Ich genoss es meinen Gedanken freien Lauf zu lassen und die Ruhe zu spüren. Das Besteigen bietet eine richtige Vielfalt: Von erst entspannt gehen, bis kraxeln und klettern. Die anschließende Aussicht ist der Wahnsinn und unbeschreiblich schön. Auch wenn einige andere die gleiche Idee wie wir hatten, war es traumhaft. Allein beim Abstieg kommen uns unzählige Menschen entgegen, sodass wir froh sind, diesen Programmpunkt abhaken zu können. Danach gönnen wir uns eine weitere Runde Schlaf.

Silvester 2019 in Kapstadt, Longstreet

Dieses Jahr war so aufregend, so erfüllend und bereichernd. Es war mein Jahr. Ich habe meine schulische Laufbahn erfolgreich abgeschlossen, den wohl schönsten Sommer verlebt, bin mit meinen Mädels nach Mallorca geflogen, habe durch meinen Job eigenes Geld verdient und durfte meinen Freiwilligendienst in Südafrika antreten. Ich habe so viele und prägende Erfahrungen gesammelt, unglaubliche Herzensmenschen kennengelernt, ein weiteres Stück dieser einmaligen Welt gesehen und mich selbst neu erfunden. Ich habe gelacht, geliebt und gelebt. Und dieses wundervolle einzigartige Jahr durfte ich dann in Kapstadt beenden. Erst haben wir in Camps Bay ganz schick gegessen, den atemberaubenden Sonnenuntergang am Strand angeschaut und leckere Cocktails geschlürft. Dann ging es weiter in die Longstreet, der Place to be! Dort haben wir gefeiert, noch mehr Cocktails geschlürft und diese besonderes Atmosphäre auf uns wirken lassen. Tausende Menschen auf den Straßen, laute Musik aus den Boxen, strahlende Gesichter, ausgelassene Stimmung. So etwas habe ich noch nie erlebt, um 00:00 Uhr liegen sich fremde Menschen in den Armen und sprechen ihre Wünsche für das neue Jahr aus. Ich lasse einen Luftballon steigen. DANKE, für dieses unglaubliche Leben. LIEBE an alle, ob im Himmel oder auf Erden!

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